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Politische Lyrik – einfach erklärt

Lesedauer 3 Minuten

In der Zentralen Klausur 2024 Deutsch wird es um Politische Lyrik gehen. Was das ist und wie du damit umgehst, erkläre ich dir einfach und verständlich in diesem Lernsnack.

Das ist politische Lyrik

Lyrik befasst sich immer mit einem thematischen Schwerpunkt. So wie die Naturlyrik hat auch auch die politische Lyrik einen Schwerpunkt, nämlich politische Ereignisse, Ideen oder Themen. In der Zentralen Klausur am Ende der Einführungsphase 2024 wird es um politische Lyrik gehen (hier findest du allgemeine Informationen zur ZK 2024).

Oft wird politische Lyrik auch als Zeitgedicht, öffentliches Gedicht oder Warngedicht bezeichnet, da aktuelle und historische Prozesse thematisiert und oft kritisiert werden. Andere Formen können Protestsongs, Hymnen, Kriegslieder, Friedenslieder, Lehrgedichte, Herrscherlieder und andere epische und weniger epische Stücke sein. Die Lyrik entzieht sich der Politik und spricht indirekt aus, was der Autor denkt.

Es gibt hier ein Spannungsfeld zwischen Poesie und Lyrik, welches auch als Schutz genutzt wird, da Autoren nicht immer frei schreiben dürfen, was sie denken, ohne mit Konsequenzen rechnen zu müssen. Zur politischen Lyrik gibt es verschiedene Denkansätze:

  • Politische Dogmatik: Lyrik ist nicht für Politik geeignet.
  • Ästhetische Dogmatik: Politik verfälscht die Poesie.
  • Politische Lyrik ist nicht innovativ und autonom genug, um politisch sein zu können.
  • Poesie ist immer politisch, da sie im Kontext einer Gesellschaft existiert.
  • Politische Lyrik kann inhaltlich oder funktional verstanden werden.
  • Politische Lyrik hat durchaus eine Verbindung zur Rede, die reflexiv, emotional und sachbezogen ist und den Verstand und die Leidenschaft von Menschen ansprechen möchte.

Beispiel für politische Lyrik

Berthold Brecht war als sehr kritisch bekannt und in seinem Gedicht Fragen eines lesenden Arbeiters übt er scharfe Kritik an der üblichen Geschichtsschreibung, die sich auf die Herrscher und Könige konzentriert (sogenannte Großtaten) und die Arbeiter, Soldaten, Köche vollkommen ignoriert.

Zu Brecht selbst muss man wissen, dass er Sympathisant der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) war und damit in den Fokus der Nationalsozialisten geriet und zum Staatsfeind wurde. Er flüchtete 1933 aus Deutschland, nach dem Reichstagsbrand, welcher zur Verfolgung der Kommunisten führte. Brecht war Freund der Arbeiter, auf deren Rücken die Kapitalisten und Faschisten ihre Macht festigten.

Auch die Sozialisten in der DDR kritisierte er, weil diese ihre Machtverhältnisse unter anderen Namen aufbauten wie Aristokraten, Faschisten und Kapitalisten davor.

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Berthold Brecht: Fragen eines lesenden Arbeiters (1936)

Wer baute das siebentorige Theben?
In den Büchern stehen die Namen von Königen.
Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt?
Und das mehrmals zerstörte Babylon
Wer baute es so viele Male auf? In welchen Häusern
Des goldstrahlenden Lima wohnten die Bauleute?
Wohin gingen an dem Abend, wo die Chinesische Mauer fertig war
Die Maurer? Das große Rom
Ist voll von Triumphbögen. Wer errichtete sie? Über wen
Triumphierten die Cäsaren? Hatte das vielbesungene Byzanz
Nur Paläste für seine Bewohner? Selbst in dem sagenhaften Atlantis
Brüllten in der Nacht, wo das Meer es verschlang
Die Ersaufenden nach ihren Sklaven.
Der junge Alexander eroberte Indien.
Er allein?
Cäsar schlug die Gallier.
Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?
Philipp von Spanien weinte, als seine Flotte
Untergegangen war. Weinte sonst niemand?
Friedrich der Zweite siegte im Siebenjährigen Krieg. Wer
Siegte außer ihm?
Jede Seite ein Sieg.
Wer kochte den Siegesschmaus?
Alle zehn Jahre ein großer Mann.
Wer bezahlte die Spesen?
So viele Berichte.
So viele Fragen.

Berthold Brecht, 1936

Das Gedicht ist sehr einfach gehalten. Keine erkennbare Form, keine Strophen, kein Reim, keine erkennbare Struktur. Ein einfacher Mensch, der in einem Geschichtsbuch liest und dem die Gedanken übersprudeln. Absurde Fragen wie die Frage nach dem Koch des Cäsar. Die Frage, wer die Spesen bezahlte für diese großen Männer, die zwar Großes taten, aber immer als Alleinverantwortliche dargestellt werden, lässt eine Kritik an der Geschichtsschreibung und der Wahrnehmung von Herrschern durchblicken.

Der Arbeiter galt im Sozialismus als die zentrale Klasse. Arbeiter sollten an die Macht, sich vereinigen, aufstehen gegen Unterdrückung. Andererseits haben diese Arbeiter die Herrscher und anderen großen Männer so groß gemacht. Außerdem überspitzt der lesende Arbeiter die Gefahr von gebildeten Volksgruppen, die bestehende Strukturen hinterfragen und womöglich aufstehen werden. Brecht war ein junger Mann, als die Russische Revolution passierte und sich Arbeiter gegen die Zaren auflehnten.

Das Gedicht selbst wurde von Brecht 1936 im Exil geschrieben, drei Jahre nach der Machtergreifung Hitlers. Dieser wird nicht explizit genannt, aber die NSDAP verstand sich als Arbeiterpartei. In diesem Zusammenhang könnten auch noch Bücherverbrennungen durch die Nazis angeführt werden.

Wichtig ist, dass Lyrik in einem geschichtlichen Kontext auch eine Veränderung der Aussage bedeuten kann. In diesem Gedicht wird der Herrscherkult demontiert, der natürlich in der Zeit des Nationalsozialismus extrem gefördert wurde.

Formale Aspekte bei Politischer Lyrik

Bei politischer Lyrik gibt es oft eine offene Form (keine Strophen mit Reimschemata) und Hypotaxe (Aneinanderreihung von Haupt- und Nebensätzen, Erstreckung von Sätzen über mehrere Zeilen).

Dafür sind Stilmittel wie Personifikationen, Antithesen, Metaphern und Vergleiche.

Inhaltliche Bezüge

Bei politischer Lyrik geht es auch um eine Gesellschaftskritik oder Glorifikation. Sei es eine Revolution oder die Kritik an der bestehenden Gesellschaft, der Wunsch nach einer Veränderung oder die Erklärung, dass der jetzige Staat das Beste ist, was Menschen je entwickelt haben.


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