Naturlyrik – Gedichtanalyse in der Einführungsphase

Naturlyrik – Gedichtanalyse in der Einführungsphase

Lesedauer 4 Minuten

Heute befassen wir uns mit dem Thema Naturlyrik. Es geht allgemein um eine Gedichtanalyse und Gedichtinterpretation in der Einführungsphase, die auch 2022 in der Zentralen Klausur gefordert wird.

Naturlyrik allgemein

Nach Gero von Wilpert ist Naturlyrik eine

stoffbestimmte Sammelbezeichnung für alle Formen der Lyrik, deren Zentralmotive Naturerscheinungen (Landschaft, Wetter, Tier und Pflanzenwelt) sind und die auf dem Erlebnis der Natur aufbauen.

Auch in anderen Quellen finden sich die Darstellung von Natur und das Erleben des Menschen als Leitmotive.

Dabei werden der Natur teilweise menschliche Züge zugeschrieben oder ihr wird eine Verbindung zu Gott beigefügt (vor allem im Barock). Dadurch wird Natur als Mittler zwischen Mensch und Gott und rückt in den Hintergrund.

In der Hochzeit der Naturlyrik (Sturm und Drank, Romantik) wird Natur oft sehr verklärt dargestellt. Die Natur ist das Gegenstück zur verrückten Gesellschaft und verspricht Idylle und Frieden.

Gedichtanalyse bzw. Gedichtinterpretation

In der Operatorübersicht des Landes Nordrhein-Westfalen für das Abitur (ab 2023) steht zu interpretieren:

auf der Grundlage einer Analyse im Ganzen oder aspektorientiert Sinnzusammenhänge erschließen und unter Einbeziehung der Wechselwirkung zwischen Inhalt, Form und Sprache zu einer schlüssigen (Gesamt-)Deutung gelangen

Land NRW

Der Aufbau ist üblicherweise so gestellt:

  • Einleitung (Autor, Titel, Ort und Zeit der Veröffentlichung, Epoche, Gattung und Thematik)
  • Hauptteil (zentrale Aussage, detaillierte Analyse nach genannten Kriterien)
  • Schluss (Zusammenfassung und Bewertung nach vorgegebenen Aspekten).

Bei der Interpretation geht es also darum, den Zusammenhang zwischen Inhalt, Form und Sprache zu erfassen. Oft hilft die Perspektivenübernahme des Lyrischen Ich und Kenntnis von Stilmitteln und Versmaß.

Hierzu gibt es immer die Möglichkeit folgende Aspekte zu beabeiten:

  • Inhalt zusammenfassend wiedergeben und Kernaussage (mit Textbelegen) benennen.
  • Besondere Themen wie Sinneseindrücke, Motive oder Leitthemen benennen.
  • Form mit Versen, Betonungen und Reimschema beschreiben.
  • Die Rolle des Lyrischen Ichs erfassen.
  • Stilmittel herausarbeiten und mit den oben genannten Motiven verbinden.
  • Verbindungen der Elemente und Verlauf des Gedichts nachvollziehen.

Beispiel: Sehnsucht von Eichendorf

Es schienen so golden die Sterne,
Am Fenster ich einsam stand
Und hörte aus weiter Ferne
Ein Posthorn im stillen Land.
Das Herz mir im Leibe entbrennte,
Da hab’ ich mir heimlich gedacht:
Ach, wer da mitreisen könnte
In der prächtigen Sommernacht!

Zwei junge Gesellen gingen
Vorüber am Bergeshang,
Ich hörte im Wandern sie singen
Die stille Gegend entlang:
Von schwindelnden Felsenschlüften,*
Wo die Wälder rauschen so sacht,
Von Quellen, die von den Klüften
Sich stürzen in die Waldesnacht.

Sie sangen von Marmorbildern,
Von Gärten, die überm Gestein
In dämmernden Lauben verwildern,
Palästen im Mondenschein,
Wo die Mädchen am Fenster lauschen,
Wann der Lauten Klang erwacht,
Und die Brunnen verschlafen rauschen
In der prächtigen Sommernacht. –

Joseph Freiherr von Eichendorff (1834)

* Schluft: veraltet Schlucht

Bei Sehnsucht interpretierst du die Gedanken des Lyrischen Ich am Fenster.

Schritte zur Interpretation

Ein Gedicht zu interpretieren bedeutet auch eine gewisse Offenheit und Fantasie, vor allem während der Schulzeit. Aber einige Dinge lassen sich immer erkennen, selbst wenn man nicht so begabt darin ist, den tieferen Sinn in Sprache zu erkennen. Im Gedicht „Sehnsucht“ finden wir drei Strophen zu acht Versen mit Kreuzreim ababcdcd.

Jeder Vers hat drei Hebungen und abwechseln männliche und weibliche Kadenzen (männlich: letzte Silbe betont; weiblich: letzte Silbe unbetont). Dies sorgt für einen gleichmäßigen Fluss.

In der ersten Strophe steht das Lyrische Ich am Fenster und blickt träumend in die Sommernacht. Es hört ein Posthorn und die Gedanken schweifen hinaus in die Kutsche.

In der zweiten Strophe hört das Lyrische Ich den Liedern von zwei Gesellen zu, die von schöne natürliche Gegenden singen, während sie durch die Nacht wandern.

In der dritten Strophe geleiten die Lieder das Lyrische Ich in ferne Länder mit Marmorbildern, Gärten und Palästen.

In allen Strophen gibt es visuelle und auditive Eindrücke, die das Lyrische Ich beschreibt. Es driftet vom Blick aus dem Fenster immer weiter in die Ferne, ist jedoch immer noch gefangen in dem Zimmer am Fenster. Durch das Hören und Sehen, fühlt das Lyrische Ich mehr und mehr Sehnsucht.

Das Posthorn und der Gedanke, wer mitreisen könnte, zeigt deutlich die Sehnsucht, ebenso wie die Wiederholung der prächtigen Sommernacht.

Die schwindelnden Felsenschlüfte und die sich stürzenden Quellen erzeugen ein prächtiges Bild der Natur, ebenso wie die Marmorbilder und Paläste von Prunk und Schönheit einer Kunstwelt und Zivilisation erzählen.

Die schwindelnden Felsenschlüfte sind doppeldeutig, da sie sehr tief sind und gleichzeitig sehr beeindruckend. Das Lyrische Ich steht am Fenster und fühlt sich hingezogen, aber trotzdem geht er nicht hinaus.

Die Betonungen, das Versmaß und die Kadenzen tragen das Lyrische Ich immer weiter hinaus in die Welt: Von der einsamen Aussicht auf die Sterne am Fenster, in die Wälder und Berge mit den Gesellen und ihren Liedern bis hin zu den Gärten und den Palästen mit den Mädchen, die den Lauten lauschen.

Neben den Geräuschen, die vor allem von Menschen gemacht werden, wird die Natur immer wieder als ruhig und friedlich beschrieben:

  • Posthorn
  • sternenklare Nacht
  • stilles Land
  • zwei Gesellen singen
  • stille Gegend
  • Wälder rauschen sacht
  • Gesang
  • Lautenklang
  • Brunnen rauschen verschlafen

Das ist nur ein kleiner Eindruck dessen, was sich in dem Gedicht alles finden lässt, auch ohne auf die Suche nach Stilmitteln zu gehen. Unter anderem finden sich in dem Gedicht Metaphern (das Herz entbrennte), Alliterationen , Parallelismen, Personifikationen (Quellen stürzen, Brunnen verschlafen rauschen, der Lauten Klang erwacht).

Das Wortfeld Wasser wird häufig verwendet und genutzt, um Bewegung und Geräusche zu verdeutlichen.

Je nach Aufgabenstellung können sich auch die relevanten Beobachtungen verändern. Aber prinzipiell ist hier bereits eine Menge zu finden. Achte darauf, dass du bei einer Analyse immer mehrere Betrachtungsfelder anschauen sollst und diese Beobachtungen auf die Wirkung und Aussage des Gedichts beziehen sollst.

Ich wünsche dir viel Erfolg bei deiner Gedichtinterpretation!

Wenn du noch mehr Hilfe suchst, dann empfehle ich dir ein Lernheft für die Zentrale Klausur 2022 wie das von Stark.

Quellen

  • Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur (= Kröners Taschenausgabe. Band 231). 8., verbesserte und erweiterte Auflage. Kröner, Stuttgart 2001, ISBN 3-520-23108-5, S. 554.

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Naturlyrik und Gedichtanalyse Tipps für die Zentrale Klausur


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